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Die Anfänge der deutschen Schwulenbewegung

Dr. Magnus Hirschfeld

Magnus Hirschfeld
Magnus Hirschfeld

Der jüdische Arzt und Sexualwissenschaftler Dr. Magnus Hirschfeld (1868-1935) gilt als Initiator des 1897 gegründeten Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK). Der damals 29-jährige Hirschfeld gründeten das Komitee am 15 Mai 1897 in seiner damaligen Wohnung, in der heutigen Otto-Suhr-Allee 93 (damals Berliner Straße 104), gemeinsam mit dem Juristen Eduard Oberg, dem Verleger Max Spohr und dem Schriftsteller Franz Josef von Bülow. Jeder legte 100 Mark auf den Tisch, der reiche Bülow 200, um die ersten Kosten zu decken.

100 Mark entsprachen damals etwa dem Monatslohn eines Facharbeiters. 1 Liter Milch kostete 20 Pfennig, 1 Kilo Roggenbrot 23 Pfennig, 1 Stuhl 3,75 Mark und ein Herrenanzug 10 bis 75 Mark.

Wissenschaftlich-humanitäres Komitees (WhK)

Karl Heinrich Ulrichs
Karl Heinrich Ulrichs

Das Whk stützte sich bei seiner Arbeit auf Karl Heinrich Ulrichs, der bereits 30 Jahre zuvor auf dem deutschen Juristen Tag die Straflosigkeit homosexueller Handlungen forderte. Ulrichs war somit der wohl erste Schwulenaktivist.

Hirschfelds Wirken nahm weltweit Einfluss auf die Abschaffung schwulenfeindlicher Straftatbestände. Zur Aufhebung des berüchtigten § 175 StGB (Strafgesetzbuch) richtete das WhK eine Petitionen an den Deutschen Reichstag, denn dieser Paragraph bedrohte „beischlafähnliche Handlungen“ zwischen Männern mit Strafe. Diese wurde bis 1904 mehrfach in Reichstag und Bundesrat eingebracht und von mehr als 2000 Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft unterschrieben.

Die Schmach des Jahrhunderts

Der $ 175 des deutschen Strafgesetzbuches galt seit Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches am 1. Januar 1872. Er wurde erst am 11. Juni 1994 endgültig abgeschafft.

Die 1902 veröffentlichte Broschüre „Was soll das Volk vom dritten Geschlecht wissen“ stützte sich argumentativ auf Magnus Hirschfelds Theorie der „sexuellen Zwischenstufen“ und sollte die breite Masse der Bevölkerung erreichen.

Als jedoch 1907 im Zuge der Eulenburg-Affäre ein Kreis engster Berater des Kaisers (Liebenberger Kreis) der Homosexualität beschuldigt wurde und Hirschfeld in den folgenden Gerichtsverfahren die sexuelle Veranlagung der Beschuldigten als Sachverständiger begutachten musste, kippte die Stimmung. Die schwulenfeindlichen Kräfte hatten nun Oberwasser.

Institut für Sexualwissenschaft (IfS)

1919 errichtete er auf dem Gelände zwischen dem heutigen Bundeskanzleramt und dem Haus der Kulturen der Welt das Institut für Sexualwissenschaft (IfS).

Otto-Suhr-Allee 93, Berlin

Otto-Suhr-Allee 93, Berlin, Gedenkstele für Magnus Hirschfeld.
Gedenkstele für Magnus Hirschfeld.
Bildquelle:
berlin.de

Der aufkommende Nationalsozialismus läutete das Ende des WhK und IfS ein. Magnus Hirschfeld verließ Deutschland und starb 1935 in Nizza.

Auf dem Gehweg vor der Otto-Suhr-Alle 93 steht heute, auf städtischem Grund, eine Gedenkstele für Magnus Hirschfeld. Der Hausbesitzer wollte keine Gedenktafel für einen „Perversen“ an seinem Haus.

Vom IfS ist nichts übrig geblieben. Was die Nazis nicht verbrannt oder geplündert hatten, wurde durch die Bomben des 2 Weltkrieges vernichtet. Am Ort, wo sich das Institut befand, steht heute ein Denkmal.

Denkmal für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung

Calla-Lilien
Denkmal für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung

Am Magnus-Hirschfeld-Ufer in Berlin, gegenüber dem Bundeskanzleramt, wird ein Denkmal für die erste deutsche Schwulenbewegung entstehen.

Das Mahnmal besteht aus sechs Calla-Lilien, in den Farben des Regenbogens. Der Entwurf wurde von einer Arbeitsgruppe der Universität der Künste, Berlin, zum Wettbewerb eingereicht.

Die Calla-Lilie besitzt weibliche und männliche Blüten auf einer Pflanze. Somit ist sie ein Symbol für die Normalität der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt in der Natur.

Weitere Quellen:

Mahnmale in Berlink
Magnus Hirschfeld Gesellschaft e.V.

 
 

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